Migräne und das Nervensystem: Warum Trigger-Vermeidung allein selten reicht

Irgendwann gibt es diese Liste.

Kein Rotwein. Kein gereifter Käse. Keine Schokolade. Feste Schlafenszeiten, auch am Wochenende. Bildschirm gedimmt, Sonnenbrille im Handschuhfach, Nüsse in der Tasche für den Fall, dass eine Mahlzeit ausfällt.

Die Liste wird über Jahre länger. Der Alltag wird enger. Und die Migräne kommt trotzdem.

Ich möchte dir eine andere Erklärung dafür anbieten als die naheliegende. Es liegt nicht daran, dass du zu wenig konsequent warst.

Migräne und das Nervensystem hängen enger zusammen, als die meisten Auslöserlisten vermuten lassen.

Was ein Auslöser ist — und was nur so aussieht

Wenn ich in der Praxis frage, wann eine Attacke angefangen hat, kommt fast immer eine Uhrzeit. Halb vier am Nachmittag. Nach dem Meeting. Nach dem Stück Schokolade.

Dann frage ich weiter: Und wie war der Tag davor?

Meistens wird es an dieser Stelle still. Und dann kommt: müde gewesen. Schon morgens gegähnt. Der Nacken war steif. Reizbar. Irgendwie neben sich.

Genau das ist der Punkt. Eine Migräneattacke beginnt nicht mit dem Schmerz. Sie beginnt Stunden, manchmal ein bis zwei Tage vorher — in einer Phase, die kaum jemand als Teil der Migräne erkennt, weil sie sich so unauffällig zeigt. Müdigkeit, Gähnen, ein steifer Nacken, gedrückte Stimmung, empfindliche Augen. Und Heißhunger, oft auf Süßes.

Aus der Forschung
Eine Migränepatientin wurde 30 Tage lang täglich im MRT untersucht. Dabei zeigte sich: Die Aktivität im Hypothalamus verändert sich bereits in den 24 Stunden vor dem Schmerzbeginn — und nimmt zur Attacke hin weiter zu.

Der Hypothalamus steuert Schlaf, Appetit, Hormonrhythmus und die Stressantwort. Also genau die Bereiche, aus denen die klassischen Auslöser stammen.

Was bedeutet das für die Schokolade am Nachmittag?

Sie war vermutlich nicht die Ursache. Sie war das erste Zeichen. Der Heißhunger gehörte schon zur Attacke, die längst begonnen hatte. Für Schokolade als Auslöser gibt es in der Forschung ohnehin keinen überzeugenden Beleg — eine Übersichtsarbeit hat dafür 25 Studien durchgesehen.

Ähnlich ist es mit dem Licht. Die Empfindlichkeit am Vormittag ist oft kein Auslöser, sondern ein Vorbote.

Die Reihenfolge ist in vielen Fällen umgekehrt. Du hast nichts falsch gemacht … du hast einen Vorboten für eine Ursache gehalten.

Was passiert eigentlich, wenn du alles richtig machst?

Genau das wurde untersucht. Über hundert Menschen mit wiederkehrenden Kopfschmerzen, aufgeteilt in vier Gruppen.

Eine Gruppe meidet konsequent alles, was als Auslöser gilt. Eine andere lernt das Gegenteil: sich in kleinen, dosierten Schritten wieder an einzelne Reize zu gewöhnen. Eine dritte kombiniert Vermeidung mit Verhaltenstherapie. Und eine vierte macht nichts anders und wartet auf ihre Behandlung.

Nach mehreren Monaten stand die Gewöhnungsgruppe deutlich besser da. Weniger Kopfschmerz, weniger Schmerzmittel.

Die Vermeidungsgruppe hatte sich kaum vom Fleck bewegt. Trotz aller Konsequenz.

Die Zahlen
Gewöhnung statt Vermeidung: 35,9 % weniger Kopfschmerz, 27,9 % weniger Schmerzmittel.

Konsequente Vermeidung: 13,2 % weniger Kopfschmerz — dieser Unterschied war statistisch nicht abgesichert.

Bei rund 30 Personen pro Gruppe und großen Unterschieden zwischen den einzelnen Teilnehmenden lässt sich nicht sagen, ob dieser Wert echt war oder Zufall.

Warum lässt Vermeidung so wenig ausrichten?

Die Erklärung kennt man aus der Angstforschung gut. Wer einen Reiz konsequent meidet, senkt seine Toleranz dafür. Das System bekommt keine Gelegenheit mehr zu lernen, dass der Reiz harmlos ist. Der Radius wird kleiner — und die Empfindlichkeit größer.

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Es geht nicht darum, wieder alles zu tun. Schlafmangel, ausgelassene Mahlzeiten und Alkohol tun einem erschöpften System ohnehin nicht gut.

Es geht um den Unterschied zwischen einer Entscheidung, die du bewusst triffst — und einer, die aus Angst entsteht.

Nicht der Reiz entscheidet, sondern was dein System damit macht

Es gibt eine Beobachtung, die fast jede Frau mit Migräne kennt und die keine Auslöserliste erklären kann:

Dasselbe Glas Rotwein. Einmal passiert nichts. Ein anderes Mal folgt eine Attacke.

Wenn der Reiz derselbe ist und die Reaktion unterschiedlich, dann liegt die entscheidende Variable nicht im Reiz. Sie liegt im Zustand des Systems, das darauf antwortet.

Und dieser Zustand lässt sich messen. Die Herzratenvariabilität zeigt, wie beweglich dein vegetatives Nervensystem zwischen Anspannung und Erholung wechselt. Bei Menschen mit Kopfschmerzerkrankungen ist sie im Mittel verringert.

Vereinfacht gesagt: Die Bandbreite, in der reguliert wird, ist schmaler geworden.

Dazu passt eine Beobachtung, die viele Frauen aus ihrem eigenen Kalender kennen — die Migräne am ersten Urlaubstag. Am Samstagvormittag. Nach der abgegebenen Präsentation.

Aus der Forschung
In einer Tagebuchstudie mit über 2.000 Einträgen war nicht der Stress selbst der beste Vorhersagewert für eine Attacke, sondern sein Abfall.

Sank die wahrgenommene Belastung von einem Tag auf den nächsten, stieg die Wahrscheinlichkeit einer Migräne in den folgenden 6 bis 18 Stunden auf das 1,5- bis 1,9-Fache.

Daraus ergibt sich der eigentliche Punkt dieses Artikels:

Migräne reagiert auf Wechsel. Auf Rhythmuswechsel, Belastungswechsel, Hormonwechsel, Wetterwechsel. Ein System, das schlecht umschalten kann, meldet sich beim Umschalten.

Nicht die einzelne Belastung ist das Thema. Sondern die Fähigkeit, zwischen Zuständen zu wechseln.

Und für Frauen zwischen 30 und 70 kommt etwas hinzu: Die hormonellen Schwankungen sind nicht optional. Zyklus, Perimenopause, Wechseljahre — das sind planmäßige Umschaltvorgänge. Ein flexibles System federt sie ab. Ein angespanntes eben nicht.

Für diese Phase habe ich einen eigenen Guide zusammengestellt.

Migräne aus drei Blickwinkeln

Körper

Rhythmus vor Verzicht. Regelmäßige Mahlzeiten, stabiler Blutzucker, verlässliche Schlaf- und Wachzeiten — auch am Wochenende. Dazu die Frage nach der Zyklusphase, nach Eisen, Ferritin, Magnesium, Vitamin D und der Schilddrüse. Ein Körper, dem Bausteine fehlen, hat weniger Puffer für alles andere.

Nervensystem

Hier geht es nicht um Entspannung als Ziel, sondern um Beweglichkeit. Kann dein System hochfahren, wenn es gebraucht wird — und danach wieder herunter? Oder bleibt es oben und fällt dann ab?

Regulationsbreite entsteht nicht durch einmalige Ruhe. Sie entsteht durch regelmäßige kleine Wechsel: Bewegung, Atemrhythmus, Pausen, die vor dem Absturz liegen statt danach.

Seele

Und hier wird es aus meiner Sicht am interessantesten. Und am wenigsten besprochen.

Was sich am Ende der Anspannung zeigt

Der Kopfschmerz am freien Tag ist zunächst ein neurobiologischer Befund. Aber er beschreibt auch etwas sehr Menschliches.

Viele der Frauen, die mit Migräne zu mir kommen, funktionieren ausgesprochen gut. Sie halten durch. Sie sind zuverlässig. Sie sind diejenigen, auf die man sich verlassen kann.

Die Anspannung ist über Jahre zum Grundzustand geworden. Und ein Grundzustand fällt nicht mehr auf. Er wirkt nicht wie Anspannung, sondern wie normal.

Was passiert dann, wenn die Anforderung wegfällt?

Für ein System, das Anspannung als Sicherheit gelernt hat, ist Entspannung kein Ruhezustand. Sie ist ein ungewohnter, unbewachter Zustand. Der Moment, in dem alles auftaucht, was während des Funktionierens keinen Platz hatte. Müdigkeit. Traurigkeit. Fragen, für die im Alltag keine Zeit war.

An dieser Stelle möchte ich vorsichtig sein.

Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit einer starken genetischen Komponente. Sie ist nicht psychisch verursacht. Und niemand bekommt Migräne, weil er etwas nicht verarbeitet hat. Diese Zuschreibung ist falsch — und sie belastet Betroffene zusätzlich.

Was die Forschung zeigt, ist etwas anderes. Zusammenhänge, keine Schuldzuweisungen: In großen Untersuchungen mit mehreren tausend Teilnehmenden fand sich ein Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und häufigen Kopfschmerzen. Er blieb bestehen, auch wenn Depression und Angst herausgerechnet wurden — und er nahm mit jeder zusätzlichen belastenden Erfahrung zu.

Das ist keine Ursache. Es ist ein Hinweis: Ein Nervensystem, das früh viel Wachsamkeit gelernt hat, bringt möglicherweise eine engere Regulationsbreite mit ins Erwachsenenleben.

Und dann ist da noch etwas, das selten ausgesprochen wird: die Angst vor der nächsten Attacke.

Sie ist verständlich. Und sie ist zugleich Teil des Musters. Wer ständig prüft, ob es gleich losgeht, hält das System in genau der Wachsamkeit, die eigentlich nachlassen soll.

Die Auslöserliste ist manchmal weniger ein medizinisches Werkzeug als der Versuch, Kontrolle über etwas zu behalten, das sich nicht kontrollieren lässt.

Deshalb frage ich in der Praxis auch selten: Was hat die Attacke ausgelöst?

Sondern: Was war in den drei Tagen davor los — und was hättest du in dieser Zeit gebraucht?

Was tatsächlich Wirkung zeigt

Bewegung. In einer Studie wurden drei Wege verglichen: aerobes Training dreimal wöchentlich für 40 Minuten, ein Entspannungsprogramm oder eine medikamentöse Prophylaxe. Die Attackenhäufigkeit sank in allen drei Gruppen ähnlich stark. Für Frauen, die keine Dauermedikation möchten oder nicht vertragen, ist das eine ernstzunehmende Option.

Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Hier bleibe ich ehrlich, weil das Ergebnis oft verkürzt wiedergegeben wird: Die Zahl der Migränetage sank nicht stärker als in der Vergleichsgruppe. Was sich verbesserte — über 36 Wochen hinweg — waren die Beeinträchtigung im Alltag, die Lebensqualität, die Stimmung und das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.

Anders gesagt: Die Attacken wurden nicht seltener. Aber sie nahmen weniger Raum ein. Im Alltag ist das kein kleiner Unterschied.

Regelmäßigkeit statt Verzicht. Der unspektakulärste Punkt und der am häufigsten unterschätzte. Feste Essenszeiten, feste Schlafzeiten, geplante Erholung vor der Erschöpfung statt danach.

Und selbstverständlich gehört Migräne ärztlich abgeklärt. Diagnostik, Akuttherapie und gegebenenfalls eine Prophylaxe sind wichtige Bausteine. Das eine schließt das andere nicht aus — ich denke nicht in Lagern.

Wie ich in meiner Praxis darauf schaue

In der Anamnese frage ich weniger nach Auslösern und mehr nach Verläufen.

Wie sind deine Tage strukturiert? Wo im Zyklus stehst du, wenn die Attacken kommen? Wann in der Woche? Wie sieht Erholung bei dir konkret aus — und wann findet sie statt?

Dazu die körperliche Ebene: Laborwerte, Nährstoffstatus, Stoffwechsel, Darm. Und die Frage nach deiner Lebenssituation, weil ein Nervensystem nicht im luftleeren Raum reguliert.

Was dabei entsteht, ist kein Therapieschema. Sondern ein Bild von Zusammenhängen. Und meistens ein paar Aha-Momente.

Wenn du herausfinden möchtest, ob das für dich passt: In einem kostenfreien Orientierungsgespräch von etwa 20 Minuten schauen wir gemeinsam, wo du gerade stehst. Termine findest du hier.

Und bis dahin eine Frage zum Mitnehmen:

Was passiert bei dir eigentlich am ersten wirklich freien Tag …?

Häufige Fragen

Sind Migräne-Auslöser überhaupt real?

Manche schon — Schlafmangel, ausgelassene Mahlzeiten, Alkohol und hormonelle Schwankungen sind gut belegt. Andere entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als Vorboten, also als Symptome der bereits begonnenen Attacke. Und selbst reale Auslöser wirken nicht immer gleich, sondern abhängig davon, wie belastbar dein Nervensystem gerade ist.

Nicht automatisch. Eine Übersichtsarbeit über 25 Studien fand keinen überzeugenden Beleg dafür, dass Schokolade Migräne auslöst — der Heißhunger davor gehört häufig schon zur Attacke. Alkohol ist etwas anderes und für viele tatsächlich problematisch. Sinnvoll ist eine Entscheidung, die du bewusst triffst, nicht eine, die aus Angst entsteht.

Migräne wird heute als Erkrankung der Reizverarbeitung verstanden. Bildgebende Untersuchungen zeigen Veränderungen im Hypothalamus schon 24 Stunden vor dem Schmerz, und die Herzratenvariabilität weist auf eine verringerte vegetative Beweglichkeit hin. Nicht der einzelne Reiz entscheidet, sondern wie gut dein System zwischen Anspannung und Erholung wechseln kann.

Weil nicht der Stress selbst der stärkste Vorhersagewert ist, sondern sein Abfall. Sinkt die Belastung von einem Tag auf den nächsten, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Attacke in den folgenden 6 bis 18 Stunden deutlich. Hilfreich ist deshalb ein weicherer Übergang: Erholung nicht erst am Ende einbauen, sondern regelmäßig zwischendurch.

Naturheilkundliche Begleitung ersetzt keine ärztliche Diagnostik und keine Akuttherapie. Sie kann aber an den Bedingungen ansetzen, unter denen dein Nervensystem arbeitet: Nährstoffstatus, Stoffwechsel, Rhythmus, Regulationsfähigkeit und die Lebenssituation dahinter. Heilversprechen gibt es dafür nicht — Zusammenhänge zu verstehen, verändert aber oft schon den Umgang.

Studien, auf die sich dieser Artikel stützt

Die Originalarbeiten sind über die folgenden Links einsehbar. Sie sind auf Englisch — die Kurzzusammenfassungen lassen sich aber gut übersetzen, falls du selbst nachlesen möchtest.

Zur Vorbotenphase und zum Hypothalamus
Schulte LH, May A. The migraine generator revisited: continuous scanning of the migraine cycle over 30 days and three spontaneous attacks. Brain 2016;139(7):1987–1993.

Zur Trigger-Vermeidung
Martin PR, Reece J, Callan M, MacLeod C, Kaur A, Gregg K, Goadsby PJ. Behavioral management of the triggers of recurrent headache: a randomized controlled trial. Behaviour Research and Therapy 2014;61:1–11.

Zu Schokolade als Auslöser
Nowaczewska M, Wiciński M, Kaźmierczak W, Kaźmierczak H. To eat or not to eat: a review of the relationship between chocolate and migraines. Nutrients 2020;12(3):608.

Zur Herzratenvariabilität
Koenig J, Williams DP, Kemp AH, Thayer JF. Vagally mediated heart rate variability in headache patients — a systematic review and meta-analysis. Cephalalgia 2016;36(3):265–278.

Zum Kopfschmerz nach dem Loslassen
Lipton RB, Buse DC, Hall CB, Tennen H, DeFreitas TA, Borkowski TM, Grosberg BM, Haut SR. Reduction in perceived stress as a migraine trigger: testing the „let-down headache“ hypothesis. Neurology 2014;82(16):1395–1401.

Zu belastenden Kindheitserfahrungen
Tietjen GE, Buse DC, Fanning KM, Serrano D, Reed ML, Lipton RB. Recalled maltreatment, migraine, and tension-type headache: results of the AMPP study. Neurology 2015;84(2):132–140.

Anda R, Tietjen G, Schulman E, Felitti V, Croft J. Adverse childhood experiences and frequent headaches in adults. Headache 2010;50(9):1473–1481.

Zu Bewegung als Prophylaxe
Varkey E, Cider Å, Carlsson J, Linde M. Exercise as migraine prophylaxis: a randomized study using relaxation and topiramate as controls. Cephalalgia 2011;31(14):1428–1438.

Zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion
Wells RE, O’Connell N, Pierce CR, Estave P, Penzien DB, Loder E, Zeidan F, Houle TT. Effectiveness of mindfulness meditation vs headache education for adults with migraine: a randomized clinical trial. JAMA Internal Medicine 2021;181(3):317–328.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei neu aufgetretenen, veränderten oder ungewöhnlich starken Kopfschmerzen bitte ärztlich abklären lassen.

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